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Kunst-Lehren-Lernen in Salzgitter oder: Über den Umgang mit Lenkdrachen Ausbilderin: Dana Schällert und Tina Lucht In   der   Schule,   im   Unterricht,   treffen   zuallererst   Menschen   aufeinander.   Menschen,   die   eine   vorgeschriebene   Zeit   miteinander   und mit   einem   vorgeschriebenen   Fach   verbringen   sollen.   Menschen   mit   verschiedenen   Geschichten,   Wünschen   und   Vorstellungen. Aus   Schule,   aus   Unterricht   wird   Lernen,   wenn   wir   Lehrenden   begreifen,   dass   es   nicht   um   das   Vermitteln   von   Wissen   geht.   Es geht   darum,   all   diese   Menschen   wahrzunehmen,   mit   ihren   Geschichten,   Wünschen   und   Vorstellungen.   Es   geht   darum,   eine Brücke   zu   schlagen   zwischen   all   diesen   Menschen   und   dieser   Situation   zunächst   äußerlichen   Vorgaben.   Lernen   ist   wie   ein Lenkdrachen.   Und   der   Lehrer   ist   nicht   in   jedem   Fall   der   Lenkende.   Das   Wichtige   ist   nicht,   wer   ihn   lenkt,   das   Wichtige   ist,   dass   er fliegt.   Und   wenn   eine   Klasse   aus   24   Schülern   besteht,   dann   ist   es   das   Ziel,   dass   24   Lenkdrachen   in   der   Luft   schweben.   Ihre Aufgabe   als   Referendar   wird   es   sein,   zu   lernen,   wie   man   all   die   Lenkdrachen   zum   Fliegen   bringt.   Und   das   Fachseminar   Kunst möchte Ihnen dabei helfen. Der Kunst-Lenkdrache: ein schwer zu bändigendes, schillerndes Exemplar Der   Verneiner:   Dieses   Ding   ist   eigentlich   nur   eins   für   Profis.   Kann   gar   nicht   in   der   Schule   eingesetzt   werden.   Jedes   hat seine   eigenen   Gesetzmäßigkeiten.   Es   lässt   sich   gar   nicht   bewusst   lenken,   es   lenkt   es   einen   höchstens   selbst.   Es   macht mit   einem,   was   es   will,   ein   anderer   als   der,   der   es   in   der   Hand   hält,   kann   es   höchstens   intuitiv   verstehen,   selbst anwenden   schon   gar   nicht.   Gegebenenfalls   könnte   man   sich   anschauen,   wie   andere,   eben   Profis,   das   Ding   fliegen. Insgesamt sollte man seine Zeit vielleicht eher mit Nützlicherem verbringen. Der   Bejaher:   Endlich   ein   Drachen,   der   einen   noch   überrascht!   Es   ist   eben   mal   nicht   klar,   wohin   die   Reise   geht,   wenn man   das   Objekt   in   die   Luft   bringen   möchte.   Und   es   ist   doch   auch   spannend   zu   sehen,   dass   der   Start   eben   bei   jedem anders    funktioniert!    Endlich    mal    Fliegenlernen    ohne    Gebrauchsanweisung!    Ist    Fliegen    mit    Gebrauchsanweisung überhaupt   richtiges   Fliegen?   Und   manche   dieser   Dinger   sind   so   unförmig   und   sperrig,   so   schwer,   auf   den   ersten   Blick geradezu    dysfunktional,    und    am    Ende    fliegen    sie    doch!    Das    ist    doch    Wahnsinn!    Und    wenn    einen    so    ein    wilder Kunstdrache   erst   einmal   mitreißt,   dann   hängt   man   plötzlich   manchmal   selber   zwischen   Himmel   und   Erde   und   sieht Dinge, die man aus der alten Perspektive nie gesehen hätte. Ja,   Kunst   ist   ein   äußerst   sperriger   Lerngegenstand.   Einer,   dessen   Notwendigkeit   nicht   für   jeden   Schüler   gleich   auf   der   Hand   liegt. Einer,   der   vielleicht,   gerade   im   praktischen   Bereich,   oft   als   schwer   lernbar   erscheint.   Dieses   Fach,   für   das   Sie   sich   entschieden haben,   unterscheidet   sich   wirklich   in   vielen   Bereichen   stark   von   anderen   Schulfächern.   Es   geht   darum,   eine   andere   Perspektive einzunehmen, manchmal darum, die eigene Perspektive erst einmal zu finden. Eigene Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken, auf die   Welt   da   draußen   und   da   drinnen   zu   reagieren.   Diesen   Wunsch   trägt   im   Grunde   jeder   Mensch   in   sich.   Häufig   ist   es   die Angst davor,   auf   handwerklicher   Ebene   nicht   das   leisten   zu   können,   was   man   eigentlich   ausdrücken   möchte.   Manchmal   muss   aber auch   das   kreative   Reagieren   auf   Welt,   die   direkte   Auseinandersetzung   mit   der   Welt   als   Material,   erst   wieder   „gelernt“   werden. Das   Fach   Kunst   schließt   inzwischen   sehr   viele   verschiedene   fachliche   Dimensionen   ein:   Kunstgeschichte,   zeitgenössische Kunst,   Design,   Film,   Architektur…   Auf   der   einen   Seite   hat   der   Lehrende   häufig   das   Gefühl,   Diener   verschiedenster   Herren   zu sein,   in   der   doch   recht   geringen   Zeit   überbordend   wichtige   Aufgaben   erfüllen   zu   müssen,   die   kein   anderes   Fach   übernehmen kann.   Gleichzeitig   wird   das   Fach   Kunst   in   der   Stundentafel   und   auch   im   gesellschaftlichen   Bewusstsein   marginalisiert. Auch   dies ist eine Schwierigkeit, was das Lenken des Kunstdrachens angeht. Die hohe Kunst des guten Drachen-Lenkens Der   Drachen   spielt   mit   dem   Wind.   Er   tanzt   und   wirkt   frei.   Doch   unten   steht   jemand,   der   ihn   lenkt.   Mal   gibt   er   ihm   mehr Spiel,   mal   weniger,   mal   lenkt   er   energischer,   mal   nur   ganz   sanft.   Ab   und   an   sind   kunstvolle   Loopings   zu   sehen,   im nächsten Moment scheint der Drachen fast regungslos in der Luft zu stehen und einfach die Aussicht zu genießen. Das   Ziel:   ein   Unterricht,   der   das   Fliegen   lehrt.   Wie   sieht   er   aus?   Wann   ist   Kunstunterricht   im   obigen   Sinne   gelungen?   Zur Beantwortung   dieser   Frage   kann   man   die   didaktische   Fachliteratur   konsultieren. Antworten   verschiedenster   Couleur   sind   hier   zu finden.   Verschiedene   Bezugspunkte   spielen   eine   Rolle:   die   Kunst,   die   Ästhetisierung   der   Lebenswelt,   das   künstlerische   Tun,   das empfindende    und    agierende    Subjekt…    Kunstunterricht    muss    sich    irgendwo    zwischen    diesen    Polen    verorten.    Und    jeder Kunstdidaktiker   muss   dies   für   sich   selbst   leisten,   um   zum   erfolgreichen   Drachenlenker   und   Drachenlenkerlehrer   zu   avancieren. Und   er   sollte   sich   im   Diskurs   mit   denjenigen   Menschen   befinden,   mit   denen   gemeinsam   der   Drachen   zum   Fliegen   gebracht werden   soll.   Denn   nur,   wenn   nicht   von   verschiedenen   Seiten   gezogen   und   gezerrt   wird,   nur,   wenn   klar   ist,   wer   gerade   das Lenken   übernimmt   und   wer   sich   zurückhält,   und   nur,   wenn   alle   Interesse   daran   haben,   dass   der   Lenkdrache   seinen   Weg   in   die Luft findet, dann wird das Vorhaben auch von Erfolg gekrönt sein. „Gerade der Kunstunterricht sollte alles andere als langweilig sein.“ (Schülerin) „Guten Kunstunterricht macht das Besondere aus.“ (Schülerin) „Guter   Kunstunterricht   zeichnet   sich   durch   ein   ausgeglichenes   Maß   zwischen   Theoretischem   und   Praktischem   aus   und natürlich durch ein angenehmes Klima.“ (Schülerin) „Guter   Kunstunterricht   berücksichtigt   die   individuellen   Fähigkeiten   der   Schüler   und   entwickelt   sie   weiter. Außerdem   geht   er auf die speziellen ‚Schwachstellen‘ unterstützend ein.“ (Schülerin) „Guter   Kunstunterricht   geht   auf   die   Interessen   der   SchülerInnen   ein,   hält   eine   gesunde   Balance   zwischen   Theorie   und Praxis   und   bietet   Möglichkeiten   im   gegenseitigen   Einverständnis   gemeinsam   Unterricht   zu   gestalten.“   (Kunstreferendar am Studienseminar Salzgitter) „Kunstunterricht   muss   mit   der   Kunst   gehen,   aktuelle   Strömungen,   Einflüsse   zulassen.   Es   gibt   nichts   Schlimmeres   für SchülerInnen    als    zu    wissen,    dass    ein    Lehrer    zehn    Jahre    das    gleiche    Programm    fährt.“    (Kunstreferendar    am Studienseminar Salzgitter) Die hohe Kunst des guten Drachen-Lenken-Lehren-Lehrens Der   Lenkende   hält   die   Lenkschnur   fest   in   seiner   Hand.   Vielleicht   zeigt   ihm   jemand,   wie   er   dem   Drachen   mehr   Spiel   gibt oder   wie   er   ihn   in   eine   bestimmte   Richtung   lenken   kann.   Vielleicht   soll   oder   möchte   er   es   aber   auch   selbst   probieren. Vielleicht   geht   der   Drachen   durch   verschiedene   Hände   und   jeder   probiert   etwas   anderes:   Loopings,   weite   Entfernungen oder   überhaupt   erstmal   das   Starten.   Vielleicht   läuft   etwas   schief,   vielleicht   stürzt   der   Drache   ab,   vielleicht   wird   darüber gelacht, vielleicht auch mal geflucht. Doch dann wird es aufs Neue versucht. Wenn   der   Drachen   das   Lernen   ist,   dann   sollte   immer   wohlüberlegt   sein,   wer   den   Drachen   gerade   lenkt.   Der   Lehrer?   Der   Lehrer mit   allen   Schülern   gemeinsam?   Der   Lehrer   mit   einem   Schüler?   Jeder   Schüler   für   sich?   Jede   Entscheidung   kann   funktional   sein. Doch   der   Lehrende   muss   über   die   Möglichkeiten,   die   Chancen   und   Risiken   der   verschiedenen   Varianten   Bescheid   wissen.   Und er   muss   die   Lernenden   genau   beobachten:   Was   kann   er   ihnen   zutrauen?   Was   würde   sie   frustrierend,   was   ermutigen?   Und   wie erreicht   man   es,   dass   jemand   überhaupt   Interesse   daran   hat,   einen   Lenkdrachen   zu   fliegen   –   und   dann   auch   noch   einen   so   bunt schillernden,   schwer   zu   bändigenden   wie   den   Kunst-Lenkdrachen?   Was,   wenn   jemand   schon   allein   vom   Zuschauen   Höhenangst bekommt   oder   viel   lieber   ein   schnittigeres   Exemplar   lenken   will,   das   klarer   zu   berechnen   ist?   Das   Lenkdrachen-Lenken   ist   eine hohe   Kunst,   das   Lehren,   wie   man   es   tut,   ist   ebenso   schwierig.   Und   im   Studienseminar   kommt   noch   eine   dritte   Ebene   dazu, nämlich   das   Lehren   des   Lehrens   des   Drachenlenkens.   Diese   verschiedenen   Ebenen   gilt   es   stets   zu   reflektieren   und   manchmal wird   es   für   Sie,   als   Referendar,   schwer   sein,   beide   Drachen   in   ihren   Händen   zielgerichtet   lenken   zu   können:   den   Schuldrachen und    den    Seminardrachen.    Auch    hinsichtlich    dessen,    was    Sie    als    Studienreferendar    im    Fachseminar    lernen    sollen,    zum „Qualifikationsprofil    des    Kunstpädagogen“,    gibt    es    viel    fachdidaktischen    Lesestoff.    Doch    auch    die    an    der    Praxis    ständig Mitwirkenden,   Referendare   und   Schüler,   haben   klare   Vorstellungen   davon,   was   am   Studienseminar   durch   den   Ausbilder   gelehrt werden soll. „Kunstreferendare   sollten   lernen,   den   Unterricht   auch   spaßig   und   motivierend   zu   gestalten,   damit   Schüler   nicht   ein Müssen-Gefühl, sondern ein Wollen-Gefühl für den Unterricht und Projekte entwickeln.“ (Schülerin) „Sie    sollten    auf    jeden    Fall    die    Fähigkeit    entwickeln,    andere    zu    überzeugen.    So    kann    man    z.B.    mit    tollen    Methoden    Schüler    für bestimmte Themen und Epochen begeistern, die evtl. nicht sehr spannend sind.“ (Schülerin) „Ich   wünsche   mir   für   die   Ausbildung   von   Kunstreferendaren,   dass   sie   die   Schüler   gut   genug   kennen   lernen,   um   sie   nachdem,   was   sie wirklich leisten können zu beurteilen, bzw. auch was Entwicklung und so angeht.“ (Schülerin) „Ich   würde   mir   für   alle   angehenden   Kunstlehrer-   und   Lehrerinnen   wünschen,   dass   sie   eine   gewisse   Methodenvielfalt   kennen   lernen.“     (Schülerin) „(Nichts.    Es    soll    alles    so    bleiben    wie    es    ist!)    Die   Ausbildung    passiert    grundsätzlich    auf    „Augenhöhe“.    Dem/der    ReferendarIn    wird    geholfen,    den    eigenen Unterrichtsstil zu finden bzw. auszubauen. Darüber hinaus wird man dazu angeregt, frei und experimentell zu agieren.“ (Referendar am Studienseminar Salzgitter) Ich würde mich sehr freuen, Sie zur Ausbildung als LerndrachenlenkerIn im Fach Kunst am Studienseminar Salzgitter begrüßen zu dürfen! Text: Dana Schällert Bilder: Anna Luft (Schülerin)